Weiterbildung als Sackgasse für Innovation
Strukturwandel und berufliche Aus- und Weiterbildung am Beispiel Ruhrgebiet
In saturierten Gesellschaften werden Innovationen -so lange es geht- verschoben und verdrängt. Nichts macht so müde wie der Erfolg vergangener Tage. An die Stelle von Innovationen rückt deshalb in Krisenzeiten zunächst die Besitzstandswahrung. Gewerkschaften, Altindustrien und Großorganisationen errichten "Wagenburgen" und richten doch nichts gegen das Erdbeben des Strukturwandels aus. Eine sich im Krisenmanagement erschöpfende populistische, an diese "Wagenburgen" gekoppelte Politik versäumt es, die richtigen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Innovationen für die Erneuerungen zu setzen.
Und auch die Unternehmen sind nicht gerade innovativ. Cost-Cutting, Rationalisierung und die Nachhutgefechte zur fehlgeleiteten Verteilungspolitik der 70er und 80er Jahre sind zwar notwendig, bewirken aber letztlich nur eine Schrumpfung auf wettbewerbsfähige Reste. Zieht man sich dann, statt Kompetenzen auf- und auszubauen, auf Kernkompetenzen (Wirtschaft) und Kompetenzzentren (Politik) zurück, erreicht man einen Zustand höchster innovatorischer Inkompetenz.
Die Beherrschung der Technologien des 21. Jahrhunderts wird wesentlich durch das Aus- und Weiterbildungssystem des ausgehenden 20. Jahrhunderts bestimmt. Strukturbrüche führen aber zu tiefgreifenden Veränderungen im personellen und organisatorischen Bereich. Das heißt, mit den Wissensbeständen von gestern und veralteten Qualifikationen sind Innovationen nicht zu schaffen. Reine Technologieförderung greift deshalb zu kurz und Technologietransferförderung ist naiv. Beides muß durch Personalentwicklungsprogramme vorbereitet werden. Die Bildungspolitik (wenn es eine solche in der Bundesrepublik zur Zeit überhaupt gibt), geht hierauf nicht ein. Die institutionalisierte Weiterbildung ist vorwiegend an der Auslastung ihrer wegen des AFG aufgeblähten Überkapazitäten interessiert und mit diesem Problem überfordert, und die Arbeitsmarktpolitik reagiert erst zu spät.
Der Wissensaufbau in einer innovierenden Gesellschaft muß Individuen und Unternehmen befähigen, aus der Kenntnis technisch-naturwissenschaftlicher Zusammenhänge neue Dienstleistungen, Produkte, Materialien und Verfahren zu entwickeln und in wirtschaftliche Erfolge und Arbeitsplätze umzusetzen. Zu Allgemeinbildung und Fachwissen kommt ein an Personen bzw. Organisationen gebundenes Innovations-Know-how. Gerade im Aufbau dieser anwendungsbezogenen Innovations-Kompetenz bestehen erhebliche Defizite, die auch durch Verbesserung der Beschaffung, Aufbereitung und Verteilung von Wissen, dem sogenannten Wissensmanagement, nicht behoben werden. Der Aufbau von Fachwissen und beruflicher Erstausbildung verläuft zwar nach bewährten Mustern, aber durch den Rückgang der Ausbildung im dualen System und dem Anstieg im Bereich der schulischen und akademischen Ausbildung vermindert sich der Anwendungsbezug dieser Ausbildung. Der Wettbewerbsvorteil des "deutschen Facharbeiters" schwindet und wird relativiert durch den Strukturwandel.
Ein verschultes und praxisfernes Aus- und Weiterbildungssystem führt in die Sackgasse. Es schafft vor allem Formalqualifikationen als Facharbeiter, Techniker oder Akademiker. Das mag im Berufsstart für eine kleine Gruppe noch zu einem entsprechenden Status füh-ren, hilft aber kaum zu einem anwendungsbezogenen Kompetenzaufbau. In der Praxis spiegelt sich dieser Mangel dann in einer Inkompatibilität zwischen Ausbildung und Anwendung wider. Der Diplom-Chemiker kann kaum die Entsorgungsprobleme eines Druckbetriebes lösen, und der Dr.-Ing. ist hoch spezialisiert, bei den komplizierten Anwendungsproblemen eines Mittelständlers jedoch überfordert.
Bei verkürzten Innovationszyklen hält die Erstausbildung nicht mehr für ein ganzes Berufsleben. Ein Ingenieur ist 20 Jahre nach seinem Examen ohne Weiterentwicklung auf Innovationen fachlich nicht mehr vorbereitet. Die Halbwertszeit des Wissens sinkt. Alle 6 - 7 Jahre veraltet etwa die Hälfte des einmal erworbenen Know-hows. Und der naive Glaube, daß eine Facharbeiterqualifikation für 30 - 40 Berufsjahre ausreicht, führt im Strukturwandel sehr schnell in die Arbeitslosigkeit.
In der Vergangenheit konzentrierte man sich auf eine reaktive Anpassung an neue Fertigungs- und Verfahrenstechniken, an geänderte Dienstleistungs- und Produktprogramme und Betriebsstrukturen. Dabei blieb die offensive fachliche Kompetenzentwicklung des hochqualifizierten Fachpersonals außen vor, wurde bestenfalls nachrangig behandelt. Die potentiellen Innovatoren sind zwar durch Aus- und Weiterbildung formal hochqualifiziert, aber handlungsunfähig oder eben inkompetent.
Kompetenzmangel wird dann immer erst krisenhaft beim Einstieg in neue Felder beklagt. Das heißt aber in der Summe: Dem Fachpersonal wird zwar eine Schlüsselrolle im technischen und strukturellen Wandel zuerkannt, die Kompetenzentwicklung dieser Personen wurde jedoch nicht mit angemessenen Lösungsformen versehen. Die institutionalisierte Weiterbildung kann dabei nur eine marginale Rolle spielen, denn die Weiterentwicklung von Fachpersonal findet zu 80 % außerhalb der instutionalisierten Weiterbildung statt, d. h. sie umfaßt vor allem Erfahrung in neuen Anwendungsbereichen.
Im Ergebnis bestehen bei der individuellen und betrieblichen Kompetenzformierung angesichts zunehmender internationaler Arbeitsteilung heute erhebliche Defizite bei
- der Entwicklung von Konzepten zur Integration von Technik-, Personal- und Organisationsentwicklung zur Sicherung des Aufbaus und der Vermittlung und Weiterentwicklung innovationsrelevanter Kompetenz,
- der Entwicklung von Ansätzen zur Überwindung inner- und überbetrieblicher Schnittstellenprobleme (zwischen unterschiedlichen Branchen, Disziplinen, Marktstufen, Funktionsbereichen, Hierarchien, Regionen etc.),
- der Entwicklung von Hilfen zur systematischen Übertragung bestehender Kompetenz-Potentiale in neue Anwendungsfelder,
- den Ansätzen zur Nutzung des Erfahrungswissens älterer Mitarbeiter, anderer Branchen, Betriebe oder Kulturen.
Das sind die Defizite, die viele Betriebe heute im Innovationsbereich haben
Dabei mangelt es weniger an Visionen, neuen Ideen und Techniken, sondern an der Kompetenz, die heute weltweit entstehenden Neuerungen zur Anwendung zu bringen.
Alle sind sich zwar darüber im klaren, daß die Weiterentwicklung der Kompetenz deutscher Fachleute Voraussetzung für Innovationen und damit für neue Arbeitsplätze ist, aber
- die Diskrepanz zwischen struktureller und technischer Entwicklung auf der einen Seite und der Kompetenzformierung auf der anderen Seite nimmt zu,
- die Etablierung neuer Strukturen wird retardiert und verhindert durch Kompetenzdefizite und
- die Infrastrukturmängel bei Kompetenzaufbau, -vermittlung und -nutzung werden ignoriert.