Vom Wissenschaftler zum Gründer?

Gründungswelle aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen

Die Zahl von Unternehmensgründungen aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen hat sich seit 1990 verdreifacht. Eine weitere Steigerung ist zu erwarten. Knappe Haushaltsmittel bei Bund und Ländern, der Zwang einer zunehmend anwendungsbezogenen Forschung und fehlende berufliche Alternativen haben das schlummernde Gründerpotential in diesem Bereich geweckt.

Angesichts der derzeitig beklagten Innovationsprobleme am Standort Deutschland wird das Wissenschaftssystem als mögliche Quelle technologieorientierter Unternehmensgründungen entdeckt. Hochschulen als Gründerschmieden und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen als Keimzellen unternehmerischer Tätigkeit prägen das derzeitige Wunschbild vieler Politiker. Die Impulse für technologieorientierte Unternehmensgründungen werden unter Verweis auf amerikanische Erfolgsstories als unzureichend bemängelt. Tatsächlich belegt die Beteiligung an Gründungsprogrammen wie TOU oder BJTU des Bundesforschungsministeriums für die Vergangenheit wenig Bewegung.

Noch Ende der achtziger Jahre waren Gründungen aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen die Ausnahme, eine gezielte Unterstützung fand kaum statt und über die Existenz von Gründerpotentialen konnte nur spekuliert werden. In den außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist - ebenso wie an Hochschulen - jedoch eine Wende eingetreten. Eine vom BMBF finanzierte Studie des Instituts für angewandte Innovationsforschung, Bochum zeigt einen sprunghaften Anstieg der Gründungszahlen seit 1990. Nach einer Be- fragung unter ca. 250 Institutsleitern außeruniversitärer Forschungseinrichtungen erhöhte sich das Aufkommen von ca. 30 im Jahr 1990 auf ca. 90 im Jahr 1996. Für das Jahr 1997 ist von einer weiteren Steigerung auszugehen, allein bis Mai 1997 erfolgte die Gründung von ca. 60 Unternehmen im technologieorientierten Bereich. Besonders ausgeprägt ist der Umbruch in den Fraunhofer-Instituten und in den Helmholtz-Zentren, während Ressortforschungseinrichtungen des Bundes Unternehmensgründungen aufgrund sicherer Stellen und komfortabler Altersversorgung für ihre Mitarbeiter nicht zu einer attraktiven beruflichen Alternative werden lassen.

Auf eine Unternehmensgründung im Zeitraum 1990-1997 kommen

  • in den Fraunhofer-Instituten ca. 15 Wissenschaftler,
  • in den Blaue-Liste-Instituten ca. 53 Wissenschaftler,
  • in den Helmholtz-Zentren ca. 68 Wissenschaftler sowie
  • in den Max-Planck-Instituten ca. 174 Wissenschaftler.

Tendenziell steigen die Gründungsaktivitäten mit zunehmender Anwendungsnähe der Forschungseinrichtung, die oft erst die Möglichkeit bietet, marktfähige Sach- und Dienstleistungsideen zu erkennen und unternehmerisch verwertbare Erfahrungen zu erwerben.

Noch unausgeschöpfte Gründerpotentiale ?

Das Gründerpotential in außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist damit noch lange nicht erschöpft. Nach Selbsteinschätzung hat sich jeder vierte Wissenschaftler bereits weiterführend mit einem Gründungsvorhaben beschäftigt, d.h. eine Gründungsidee konkretisiert oder ein Konzept ausgearbeitet oder sogar schon erste konkrete Gründungsschritte eingeleitet. Besonders hoch ist dieses Gründerpotential in Ressortforschungseinrichtungen der Länder, den Fraunhofer Instituten und den Helmholtz-Zentren. Die weniger anwendungsnahen Max-Planck- und Blaue-Liste-Institute verfügen über ein deutlich geringeres Gründerpotential.
Eine Befragung bei mehr als 2600 Wissenschaftlern zeigt: Bei potentiellen Gründern dominieren Motive wie das Streben nach beruflicher Unabhängigkeit, nach Übernahme eigener Verantwortung bzw. Übernahme von Führungsaufgaben. Im Kontrast dazu steht bei Nichtgründern der Wunsch einer gesicherten Altersversorgung oder eines gesicherten Einkommens im Vordergrund. Neben diesen Unterschieden im Motivationsbereich werden Unterschiede in der beruflichen Erfahrung deutlich. Potentielle Gründer haben sehr viel häufiger eigene unternehmerisch verwertbare Erfahrungen gesammelt und wurden auch von ihrem sozialen Umfeld sehr viel häufiger mit Selbständigkeit konfrontiert.

Betriebliche Erfahrungswelten eröffnen statt Schulbänke für Gründer

In dem derzeit zu beobachtenden Gründungsboom versuchen Bund und Länder mit Programmen, Gründungswettbewerben, Gründungslehrstühlen, aber auch Weiterbildungsinitiativen und Pilotprojekten zum Existenzgründertraining Gründerpotentiale in der Wissenschaft zu stimulieren und Unterstützung an vermuteten Engpässen auszurichten. Mit umfangreichen Schulungsmaßnahmen wird versucht, die Gründungsqualifikation zu erhöhen. Das ist wichtig, deckt aber nur Teile der Handlungskompetenz ab. Entscheidende Bedeutung kommt vielmehr dem Erfahrungsaufbau zu, der nicht auf der Schulbank oder über das Internet erfolgen kann. Während weite Bereiche der Gründerszene nach wie vor der Auffassung sind, mit Kursen über das deutsche Steuerrecht oder Rechtsformen Gründer "backen" zu können, zeigt sich sehr deutlich, daß Übergänge fehlen, in denen die individuelle Eignung für eine unternehmerische Selbständigkeit frühzeitig getestet - vor allem aber auch entwickelt - werden kann.
Gründungskompetenz in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen kann nicht durch singuläre Maßnahmen synthetisiert werden, sondern hängt entscheidend von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. Besondere Bedeutung kommt dabei organisatorischen Rahmenbedingungen zu. In Instituten, deren Gründungsaktivität deutlich über dem Durchschnitt liegt,

ist ein größerer Anteil der Wissenschaftler an der Akquisition und Durchführung von Industrieprojekten beteiligt und
haben Wissenschaftler häufiger Führungsfunktionen als Projektgruppen- oder Abteilungsleiter.
Das sind Faktoren, die den Erwerb unternehmerisch verwertbarer Kompetenzen, wie Kostenverantwortung, Delegationsfähigkeit, Erfahrungen in der Personalführung, Umgang mit Kunden, Akquisition von Fremdkapital etc. unterstützen. Sie bereiten Wissenschaftler auf Aufgaben vor, die selbständige Unternehmer wahrnehmen müssen und sind somit gleichzeitig "Spielwiese", um die individuelle Eignung für eine mögliche unternehmerische Selbständigkeit zu erproben.
Wenn eine noch bessere Ausschöpfung des Gründerpotentials angestrebt wird, hängt der Erfolg davon ab, inwiefern es gelingt, organisatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, die diesen Erfahrungsaufbau ermöglichen.

Die Studie mit dem Titel "Unternehmensgründungen aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen - Eine empirische Bestandsaufnahme zu Stand, Potentialen und institutionellen Rahmenbedingungen" kann beim Institut für angewandte Innovationsforschung, Buscheyplatz 13, 44801 Bochum, Tel.: 0234/97117-0; Fax: 0234/97117-20; Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. bezogen werden.