Beim Übergang vom Gründer zum Unternehmer bleiben viele hängen -
Fehlende Erfahrungen bremsen die Unternehmensentwicklung in Ostdeutschland

Unternehmensgründungen sind keine einmaligen Hochleistungsakte. Den Gründungsproblemen folgen Entwicklungsprobleme. Etwa die Hälfte der Unternehmensgründungen scheitert in den ersten fünf Jahren. Die selbständige Bewältigung von Absatz-, Beschaffungs- aber auch internen Problemen nach der Gründung ist unbekanntes Neuland. Das erfordert umfangreiche Erfahrungen. Was in Gründerseminaren oder aus Handbüchern gelernt wird, reicht nicht zum „Überleben". Während Wissen, Motivation und Risikobereitschaft Gründungsvoraussetzung sind, bremsen fehlende Erfahrungen die Unternehmensentwicklung in Ostdeutschland.

Im Rahmen einer vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie geförderten Untersuchung des Instituts für angewandte Innovationsforschung, Bochum, bei über 1100 ostdeutschen Gründern, die zwischen 1990 und 1993 gegründet haben, wurde deutlich, daß Personen mit unternehmerischer Erfahrung die Entwicklung nach der Gründung besser meistern. Unerfahrene Gründer haben sehr viel größere Probleme, auch vier bis fünf Jahre nach der Gründung einen Wachstums- oder nur Konsolidierungskurs zu realisieren.

Die Gründer selbst sehen die größten Entwicklungsprobleme auf der Absatz- (48,7 %) und Zulieferseite (40,2 %): Probleme bei der Kundenakquisition, mit dem Wettbewerb, beim Fremdkapitalbezug und bei der Rekrutierung kompetenten Personals stufen sie als die größten Entwicklungsbarrie-ren für „Nachgründungsunternehmen" in den neuen Bundesländern ein. Innerhalb des Unternehmens sehen sie dagegen kaum ernsthafte Entwicklungsbarrieren (11,1 %). Tatsächlich schlagen aber gerade diese internen Gestaltungsprobleme negativ auf die Umsatzentwicklung durch und werden nicht so friktionsfrei bewältigt, wie die Gründer selbst glauben. Was der Gründer anfangs in einem Kopf zusammengeführt hat, wird in der Entwicklungsphase zum Delegations-, Koordinations- und Kontrollproblem. Bei diesem Übergang vom Gründer zum Unternehmer bleiben viele hängen.

Ihre eigene Kompetenz, also das Wissen, die Erfahrungen, aber auch Motivation und Risikobereitschaft, beurteilen die meisten Gründer dennoch als ausreichend für eine positive Unternehmensentwicklung: Sie zweifeln kaum an ihrer Handlungsfähigkeit, sehen sich als risikobereit und besonders motiviert. Ihre Mitarbeiter dagegen beurteilen die Gründer sehr viel skeptischer. Erhebliche Zweifel bestehen an der Motivation und Risikobereitschaft, aber auch bei Kreativität und der Lösung auftretender Probleme. Der Umgang mit neuen Anforderungen scheint für viele Mitarbeiter zur unüberwindbaren Hürde zu werden.

Die Gründer- und Mitarbeiterkompetenz entscheidet über die Unternehmensentwicklung. Die „erfahrenen Unternehmen" sind die erfolgreicheren. Dabei ist der Unternehmer der dominante Entwicklungsträger. Seine Kompetenz wird zum wichtigen Engpaß für die Unternehmensentwicklung. Kompetenz ist aber mehr als Wissen, das man in Seminaren oder aus Handbüchern aufbauen kann. 80 % der Handlungsfähigkeit wird durch eigene Erfahrungen, also durch eigene Handlungen bestimmt.

Dem Erfahrungsaufbau ist nicht über die Schulbank beizukommen. Erfahrungen können vom einzelnen nur selbst gemacht werden. Auch das Unternehmersein ist ein Lernprozeß, in dem vieles, was in der Gründungsphase hilfreich war, über Bord geworfen und Neues „erfahren" werden muß. Das relativiert bestehende Weiterbildungsangebote für Gründer und zeigt Lücken. Das eigentliche „Lernen" erfolgt erst im Prozeß der Unternehmensentwicklung. Hier fehlen Konzepte, wie durch eine Betreuung auf der Strecke Erfahrungsdefizite aufzufüllen sind.


Die Studie mit dem Titel „Kompetenzbedingte Entwicklungsprobleme von Unternehmen in der Nachgründungsphase - Eine empirische Untersuchung in den neuen Bundesländern" kann beim Institut für angewandte Innovationsforschung, Buscheyplatz 13, 44801 Bochum (Tel.: 0234/97117-0; Fax: 0234/97117-20) bezogen werden.