Wissenschaft ignoriert Mittelstand und Handwerk -
Keine Ingenieure und Naturwissenschaftler für offensive Entwicklungen

Der Wirtschaftsbereich, der seit Jahren für neue Arbeitsplätze steht, bekommt keine Impulse aus der Wissenschaft. Wissenschaft ist auf Großbetriebe ausgerichtet und qualifiziert die Absolventen für Telekom, Siemens oder Bayer. Der Übergang des Absolventen in kleinbetriebliche Strukturen ist nur Notlösung mit erheblichen Anlaufkosten. Der Betriebswirt - perfekt in Konzernrechnungswesen - scheitert an der Unternehmensführung im Handwerk und ein Chemiker ist nicht in der Lage, die Entsorgungsprobleme eines Druckbetriebs zu lösen. In den 90er Jahren kamen dennoch Übergänge zustande. Chemiker in der Biotechnik oder Ingenieure im Handwerk ermöglichten Gründungen und in Klein- und Mittelbetrieben echte Innovationen. Ein gewaltiger Überhang an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern sorgte erstmals in Deutschland für einen nennenswerten Übergang dieser Berufsgruppen in Mittelstand und Handwerk. Doch diese historisch günstige Konstellation ist zu Ende: bis 2002 trocknet das technisch-naturwissenschaftliche Intelligenzreservoir für kleinbetriebliche Strukturen völlig aus.

Während Großbetriebe aus Sorge um die weitere Entwicklung des Nachwuchses schon aus den Hochschulen fischen, gibt es in Mittelstand und Handwerk ein bitteres Erwachen. Eine Studie des Instituts für angewandte Innovationsforschung in Bochum zeigt: Die nächste Innovationsrunde fällt angesichts eines eklatanten Mangels an kompetenten Absolventen aus. Hoffnungsvoll gestartete Gründungen in Biotechnologie oder Multimedia kommen ins Stocken, weil für die Expansionsphase keine Fachleute verfügbar sind. Was viele in den letzten Jahren für einen Gründungsboom gehalten haben und von der Politik als Erfolg verkauft wird, war Ergebnis einer historisch günstigen Konstellation. Das Druckpotential von 90.000 arbeitslosen Ingenieuren und Naturwissenschaftlern setzte Impulse für Innovationen in Mittelstand und Handwerk. Zwar lockten die Anreize für eine Karriere im Großbetrieb viele junge Leute in den 80er Jahren in Naturwissenschaften und Technik, doch nicht viele kamen in den Genuß einer gut dotierten Karriere. Auswege aus dieser Alternativlosigkeit führten in die Gründung oder gar ins Handwerk. Doch dieses "Window of Competence" schließt sich. Großbetriebe buhlen schon heute um Ingenieure und Kleinbetriebe kommen kaum noch zum Zuge, denn das Qualifikationsprofil der Absolventen deutscher Hochschulen paßt nur zu großbetrieblichen Strukturen.

Obwohl heute viele junge Leute kleinbetriebliche Strukturen und Gründungen als berufliche Alternative sehen, läßt ihre an den Hochschulen vermittelte Kompetenz das kaum zu. Wenn angesichts demographischer Entwicklungen und drastisch einbrechender Studienanfängerzahlen ab 2002 schon die Großindustrie ihre Bedarfe kaum mehr decken kann, bleibt für Gründungen, Mittelstand und Handwerk nichts mehr übrig. Das bedeutet dort eine Innovationspause von mindestens 10 Jahren.

"Das Gerede der Förderung von Existenzgründung bzw. kleinen und mittleren Unternehmen verläuft völlig losgelöst von der Bildungspolitik. Die kuriert noch an den Symptomen des Aus- und Weiterbildungssystems des vergangenen Jahrhunderts" resümiert Prof. Staudt, Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung.

Die vollständige Studie "Window of Competence - Von der Gründungsdynamik von gestern zur Innovationsschwäche von morgen" ist in der Reihe "Berichte aus der angewandten Innovationsforschung No 182" erschienen und zum Selbstkostenpreis beim Institut für angewandte Innovationsforschung erhältlich.

Kontaktadresse:
Institut für angewandte Innovationsforschung (IAI) e.V.
Buscheyplatz 13
44801 Bochum

Tel. 0234/97117-0
Fax 0234/97117-20

Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
www.iai-bochum.de