Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe:
Innovationsforscher fordern Konsequenzen aus Weiterbildungsmisserfolgen
Weiterbildung als arbeitsmarktpolitisches Instrument weitgehend wirkungslos

Weiterbildung trägt kaum zur Überwindung der Arbeitslosigkeit bei. Das macht jetzt auch die Eingliederungsquote der Bundesanstalt für Arbeit sichtbar. Nur ca. 40 % der Teilnehmer an von der BA finanzierten Maßnahmen schaffen den Übergang in den ersten Arbeitsmarkt. Bezieht man das auf einen Mitteleinsatz von 7 Mrd. Euro, bleiben ca. 4 Mrd. Euro wirkungslos. Zur Verschwendung der Mittel kommt die Demotivation der Betroffenen, die von der ersten in die zweite Maßnahme gehen und dann doch in der Arbeitslosigkeit bleiben. Die bisherige Weiterbildungspraxis geht an den Bedarfen von Arbeitslosen und Wirtschaft in weiten Teilen vorbei. Nicht die „Arbeitslosenindustrie“, sondern der Beitragszahler von gestern hat Anspruch auf Förderung. Professor Kriegesmann, Institut für angewandte Innovationsforschung: „Im Wettbewerb würde jeder Beitragszahler seine Versicherung aufkündigen, die im Schadensfall nur in 40 % der Fälle weiterhilft“.
Weiterbildung gilt seit Jahren als wichtiges arbeitsmarktpolitisches Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Bislang wurden von der Bundesanstalt für Arbeit hohe Verbleibquoten und damit Erfolge suggeriert. Als „vermittelt“ galt auch der, der in eine ABM gegangen ist oder dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stand. Was in vielen Analysen immer wieder angezweifelt wurde, zeigt jetzt die Ende 2002 erstmals vorgelegte Eingliederungsstatistik der Bundesanstalt für Arbeit. Jährliche Weiterbildungsinvestments in Milliardenhöhe verfehlen ihre angestrebten arbeitsmarktpolitischen Effekte. Die Eingliederungsquote liegt mit etwa 40 % niedriger als bei denen, die nicht an Weiterbildung teilgenommen haben.

Nach Untersuchungen des Instituts für angewandte Innovationsforschung, Bochum, sind die geringen Effekte von Weiterbildung auf zwei Problemkreise zurückzuführen:

  • Die aktuellen Kompetenzbedarfe der Wirtschaft sind nur bruchstückhaft bekannt und ihre Entwicklung kaum prognostizierbar. Weiterbildungsmaßnahmen laufen dann allzu oft ins Leere. Teilnehmer kommen aufgrund mangelnder Verwertbarkeit nicht am Arbeitsmarkt unter, finden – frisch zum Webdesigner umgeschult – einen Job als Lagerarbeiter oder verlängern ihre Weiterbildungskarriere in der nächsten Maßnahme. Aufgrund unzureichender Wirkungskontrollen werden ineffektive Maßnahmen wiederholt und die nächste Teilnehmergeneration verschlissen.
  • Kompetenz für den ersten Arbeitsmarkt entsteht nicht auf der Schulbank. Vom Bundesbildungsministerium geförderte Projekte zu einer neuen Lernkultur belegen, dass erst die eigenverantwortliche Verknüpfung von Wissen und Erfahrung in konkreten Handlungsfeldern zur Kompetenz führt. Das umzusetzen erfordert die Abkehr von der gouvernantenhaften Bevormundung durch die Arbeits(losen)verwaltung und die Umorientierung von der Bildungs- zur Tätigkeitsorientierung. Nicht verschultes Lernen auf Vorrat, sondern die Abstimmung von Lern- und Handlungsphasen mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes ist der Schlüssel zur Beschäftigungsfähigkeit.

Professor Kriegesmann: „Der Übergang zu einer neuen Lernkultur überfordert jedoch viele Weiterbildungsanbieter und stört die etablierte Arbeitslosenindustrie. Mit der anstehenden Reduktion der für Weiterbildung verfügbaren Mittel ist zu hoffen, dass Veränderungen erzwungen werden. Die aktuelle Krise bietet die Chance, überkommene Strukturen und wirkungsarme Konzepte von gestern zu überdenken und die verfügbaren Mittel nicht den an der Arbeitslosenindustrie beteiligten Selbstverwaltungsgremien der Bundesanstalt für Arbeit zu überlassen, sondern zur echten Förderung der Beitragszahler von gestern einzusetzen.“

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