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Zurück in den Alltag –
Kompetenzentwicklung und Bildungspolitik jenseits des Taylorismus
10 Thesen von Prof. Dr. E. Staudt zum Zukunftsforum
- Mit dem Aus- und Weiterbildungssystem des vergangenen Jahrhunderts ist der anstehende Strukturwandel nicht zu bewältigen: Kompetenzentwicklung kommt zu kurz. Das belegt die zunehmende Zahl Hochqualifizierter, die in das Arbeitssystem nicht mehr hineinkommen oder herausfallen.
- Die berufliche Erstausbildung ist an den schrumpfenden Industriestrukturen der Vergangenheit orientiert. Sie bildet dort am besten aus, wo andere inzwischen zu günstigeren Kosten wettbewerbsfähig geworden sind. Sie ist zu lang, abstrahiert vom Alltag und leidet zunehmend unter Realitätsverlust. Berufsbilder werden instabil und die Betriebsorientierung relativiert sich im Wandel.
- Die Reparatur-Weiterbildungs-Offensiven haben versagt. Sie kommen jeweils zu spät. Sie decken, wenn sie denn treffsicher sind, ein Fünftel der erforderlichen Kompetenzentwicklung ab. Der Steuerungsanspruch entspringt eher planwirtschaftlichsozialistischen Vorstellungen (Bildungstaylorismus) als den offenen Entwicklungen in demokratischen Marktwirtschaften.
- Staatliche Bildungs- und gewerkschaftliche Verteilungspolitik kurieren lediglich an den Symptomen der Fehlentwicklung. Der Einzelne, das sind 5 Millionen Arbeitslose und mindestens 5 Millionen Arbeitnehmer, die um ihre Arbeitsplätze bangen, fühlt sich allein gelassen. Aufbewahrt in sozialbetulichen Ersatzangeboten wie Weiterbildungsinstitutionen und Beschäftigungsgesellschaften gelingt es nicht, Erfahrungen auf neuen Feldern zu erwerben.
- Unternehmen beschäftigen sich statt mit Personalentwicklung mit Cost-Cutting, Rationalisierung und den Nachhutgefechten zur fehlgeleiteten Verteilungspolitik der vergangenen Jahre. Das ist zwar notwendig, bewirkt aber letztlich nur eine Schrumpfung auf wettbewerbsfähige Reste. Zieht man sich dann, statt Kompetenzen auf- und auszubauen, auf Kernkompetenzen zurück, erreicht man einen Zustand höchster innovatorischer Inkompetenz. Trotz gewaltiger Rationalisierungserfolge laufen viele Betriebe nur noch auf Reserve. Mit Lean-Management, Quality Circle, kontinuierlichen Verbesserungsprozessen aktivieren sie vorhandene Potentiale. Bisher unausgeschöpfte Kompetenzreserven der Mitarbeiter werden nach japanischem Vorbild erschlossen. Die Abschöpfungsaktivitäten helfen zwar in der Krise, doch innovatorische Sprünge kann man damit nicht machen. Das setzt innovatorische Kompetenz voraus. Die Handlungsfähigkeit zur Innovation, das zeigen die Veralterung der Produktionsprogramme und Defizite in der Dienstleistung, ist defizitär.
- Kompetenz wird also zum Schlüssel, und es fehlt nicht an Versuchen, mit Aus- und Weiterbildung oder gar Wissensmanagement die Defizite anzugehen. Mit den üblichen Wissensvermittlungs- und Bildungsstrategien ist der Kompetenz aber nicht beizukommen. Wo in den Betrieben wirtschaftlich gedacht wird, folgt deshalb die Rücknahme der Weiterbildungsanstrengungen und Personalentwicklungsmaßnahmen, verbunden mit der Sozialisierung der Defizite. Dafür wird die öffentliche Hand in Anspruch genommen.
- Die von den öffentlichen "Bildungstayloristen" finanzierte institutionalisierte Aus- und Weiterbildung ist dem Entwicklungsproblem auch nicht gewachsen. Man verlängert Schul- und Hochschulzeiten, um das Wissen zu vervollständigen, perfektioniert Datenbanken und Netzwerke, um den Wissenszugang zu sichern. Die technokratischen Bemühungen erhöhen zwar den Aufwand, der Erfolg ist allerdings sehr bescheiden. Weiterbildungsoffensiven sind zwar nicht ohne Sinn, decken Kompetenzentwicklung jedoch nur partiell ab. Jedem Praktiker ist bewußt, daß er das, was er im Alltag braucht, kaum auf der Schulbank, sondern erst in der Praxis erworben hat. Bei diesem praktischen Kompetenzerwerb sind aber Schüler, Studenten, Frauen in der Familienpause und Arbeitslose außen vor. Wenn aber mehr als vier Fünftel der beruflichen Kompetenzentwicklung eben nicht aus der institutionalisierten Aus- und Weiterbildung, sprich: Wissensvermittlung, sondern aus Erfahrungen resultieren, dann muß eine Weiterbildungoffensive der öffentlichen Hand verpuffen, dann gehen Umschulung und Beschäftigungsgesellschaften ins Leere:
Übrig bleiben dann inflexible Aus- und Weiterbildungsinstitutionen, die eine Fortsetzung der Maßnahmen zur eigenen Beschäftigung fordern.
- Wenn das Bildungsministerium analog den tayloristischen Arbeitsvorbereitern im Betrieb versucht, die Qualifikationsbedarfe für die Techniken von morgen (die der Forschungsminister auch nicht kennt) ausfindig zu machen und die innovativen Bereiche der Wirtschaft mit neuen Arbeitsplätzen zu identifizieren (die die Betriebe selbst nicht kennen), um dies in anforderungsgerechte Curricula umzusetzen, dann sind das planwirtschaftliche Nachhutgefechte, weit entfernt von einer offenen Gesellschaft, in der nicht Staatstayloristen das Entwicklungssystem regeln können, sondern die jeweils erworbene Kompetenz von Arbeitnehmern und Unternehmern, die Innovationsfähigkeit, und damit den Weg in die Zukunft bestimmen.
- Was fehlt, ist also Kompetenz. Damit haben wir zwar einen neuen Begriff in Mode gebracht, aber noch nicht ganz begriffen, was das eigentlich ist.
- Wir wissen zwar, daß Kompetenzentwicklung vorwiegend aus praktischer Er-fahrung resultiert. Das ist nicht neu. Positive Erfahrungen und internationale Anerkennung mit der Ausbildung im gewerblichen Bereich belegen das. Zaghafte Dualisierungsversuche in anderen Ausbildungsgängen sind in Deutschland nicht so recht voran gekommen, dafür expandierte die Verschulung von Aus- und Weiterbildung. Nie wurden junge Leute so lange von der Praxis ferngehalten.
Das Ergebnis sind dann neben dem Praxisschock zum Beispiel im ingenieur- und naturwissenschaftlichen Bereich heute mehr als 60 000 arbeitslose Absolventen. Sie sind hochqualifiziert, aber inkompetent, ihr Wissen zur Anwendung zu bringen. Wenn sie dann nach 25 Jahren Schule und Hochschule auf die Weiterbildungs- und Umschulungsbank geschickt werden, ist das nicht nur gesellschaftspolitischer Unsinn, sondern für die Betroffenen eigentlich unzumutbar.
- Das Ergebnis sind dann neben dem Praxisschock zum Beispiel im ingenieur- und naturwissenschaftlichen Bereich heute mehr als 60 000 arbeitslose Absolventen. Sie sind hochqualifiziert, aber inkompetent, ihr Wissen zur Anwendung zu bringen. Wenn sie dann nach 25 Jahren Schule und Hochschule auf die Weiterbildungs- und Umschulungsbank geschickt werden, ist das nicht nur gesellschaftspolitischer Unsinn, sondern für die Betroffenen eigentlich unzumutbar.
- Das Ergebnis sind dann neben dem Praxisschock zum Beispiel im ingenieur- und naturwissenschaftlichen Bereich heute mehr als 60 000 arbeitslose Absolventen. Sie sind hochqualifiziert, aber inkompetent, ihr Wissen zur Anwendung zu bringen. Wenn sie dann nach 25 Jahren Schule und Hochschule auf die Weiterbildungs- und Umschulungsbank geschickt werden, ist das nicht nur gesellschaftspolitischer Unsinn, sondern für die Betroffenen eigentlich unzumutbar.
- Und wir kommen schließlich zu dem Ergebnis, daß diese Kompetenzentwicklung am besten "selbstgesteuert", "eigenverantwortlich" und "selbstorganisiert" abläuft. Aus der sozialen Betulichkeit wird ein "Hilf Dir selbst!". Und die ideologischen Egalisierungsbemühungen über Aus- und Weiterbildung scheitern endgültig.
- Wir können uns allerdings nicht auf Plattheiten der Art zurückziehen, daß dieser Einzelne nun "lebenslänglich" (durch Lernen) dafür leiden soll, daß die betrieblichen, aber auch die staatlichen Tayloristen an die Grenzen ihrer Steuerungsfähigkeit gestoßen sind, sondern wir müssen darüber reden, wie der Alltag gestaltet werden muß, damit die Entwicklung sinnvoll zu bewältigen ist. Wobei dieser Alltag dann nicht aus alten und neuen Aus- und Weiterbildungsinstitutionen besteht.
Wenn aber die zukünftige volkswirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Entwicklung von innovationsfähigen Unternehmen abhängt und diese bei der Innovation auf kompetente Mitarbeiter angewiesen sind, wird es höchste Zeit, das Ausbildungssystem des vergangenen Jahrhunderts zu reformieren, das "Reparatur-Weiterbildungssystem" nicht nur der Betriebe, sondern auch der öffentlichen Hand zu relativieren und sich dem Problem der Kompetenzentwicklung und den hierzu erforderlichen gesellschaftlichen Innovationen in aller Breite zu stellen.
Diese 10 Thesen hat Prof. Staudt, Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung e.V., auf der Eröffnungsveranstaltung des vom Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie ausgerichteten 2. Zukunftsforum Kompetenzentwicklung (18.03.97 - 20.03.97, Berlin) präsentiert.
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