Aus- und Weiterbildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Ursachen der Innovationsschwäche:
10 Schwachpunkte des Bildungssystems
Das Aus- und Weiterbildungssystem des vergangenen Jahrhunderts ist unzureichend, den anstehenden Strukturwandel zu bewältigen. Noch nie wurden junge Leute so lange von der Praxis ferngehalten. Das Ergebnis sind neben Praxisschock 90.000 arbeitslose Ingenieure und Naturwissenschaftler. Sie sind hochqualifiziert aber inkompetent, ihr Wissen zur Anwendung zu bringen. Und wenn sie dann nach 25 Jahren Schule und Hochschule wieder auf die Weiterbildungsschulbank geschickt oder mit "Wissensmanagement" manipuliert werden, ist das nicht nur gesellschaftspolitischer Unsinn, sondern für die Betroffenen unzumutbar.
Die berufliche Erstausbildung ist an den schrumpfenden Industriestrukturen der Vergangenheit orientiert. Sie bildet dort am besten aus, wo andere inzwischen zu günstigeren Kosten wettbewerbsfähig geworden sind. Sie ist zu lang, abstrahiert vom Arbeitsalltag und leidet zunehmend unter Realitätsverlust. Berufsbilder werden instabil, und die Betriebsorientierung relativiert sich im Wandel.
- Wir hatten ein vorbildliches Ausbildungssystem im gewerblichen Bereich, aber seine Bedeutung ist rückläufig.
- Wir hatten ein ausgezeichnetes Gymnasialsystem, das einer kleinen Elite höhere Bildung erlaubte – heute ist es ein realitätsferner Aufenthaltsort für viele junge Menschen.
- Wir hatten eine gut ausdifferenzierte Ausbildung im akademischen Bereich. Die Spezialisierungen von gestern sind heute Sackgassen.
Kompetenz wird zum Schlüssel für den erfolgreichen Strukturwandel. Die schulische Bildung und das neumodische "Wissensmanagement" decken nur 20 % der Kompetenzentwicklung ab. Kompetenzentwicklung resultiert zu 80% aus praktischer Erfahrung.
Die Reparatur-Weiterbildungs-Offensiven haben versagt.
- Sie kommen jeweils zu spät,
- sind nicht treffsicher und decken ohne praktische Erfahrung nur Bruchteile der erforderlichen Kompetenzentwicklung ab.
Staatliche Bildungsreformen und gewerkschaftliche Verteilungspolitik kurieren lediglich an den Symptomen der Fehlentwicklung.
Die betriebliche Personalpolitik läuft mit Moden wie "Lean-Management", "Qualitätszirkel", "kontinuierliche Verbesserungsprozesse" auf "Reserve". Die Abschöpfungsaktivitäten helfen zwar in der Krise, doch innovatorische Sprünge kann man damit nicht machen.
Planungstechnokraten und Personalverantwortliche versagen. Das Fiasko der Personalentwicklung resultiert aus der Unkenntnis der Kompetenzentwicklung und der Ignoranz der zu bewältigenden Planungsprobleme. Die Reaktionen sind
- diffuse Personalentwicklungsmaßnahmen,
- die Zurücknahme der Anstrengungen und
- die "Sozialisierung" des Entwicklungsaufwandes.
Die von den öffentlichen "Bildungstayloristen" finanzierte institutionalisierte Aus- und Weiterbildung ist dem Entwicklungsproblem nicht gewachsen.
- Der Aufwand für Qualifikation steigt, und die Handlungsfähigkeit sinkt.
- Aktionen, wie Netzwerkbildung und Wissensmanagement lenken von den eingentlichen Kompetenzdefiziten ab.
- Die Mißerfolge führen zur Frustration und blockieren den Strukturwandel.
Die Kompetenz für den Strukturwandel fehlt!
- Schlagworte wie "lernende Organisation", "lernende Unternehmen" etc. können über falsche organisatorische Regelungen und Rahmenbedingungen nicht hinwegtäuschen.
- Appelle zur Wissens- oder Informationsgesellschaft und Reformansätze gehen ins Leere.
Aus der sozialen Betulichkeit wird ein "Hilf Dir selbst!"
Mit Parolen wie "lebenslänglich lernen" wird der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen. "Lebenslänglich" soll er darunter leiden, daß betriebliche Tayloristen und öffentliche "Sozialgouvernanten" an die Grenzen ihrer Steuerungsfähigkeit gestoßen sind.
Damit er sich selbst helfen kann, sind gesellschaftspolitische Innovationen notwendig, die über Bildungsreförmchen hinausgehen und vor allem den praktischen Erfahrungserwerb ermöglichen, der kompetent für Innovationen macht.
Gesamttext vgl. Staudt, E.: Kompetenzentwicklung und berufliche Weiterbildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Berichte aus der angewandten Innovationsforschung Nr. 167.