Die Expansion der Biotech-Branche leidet unter Fachkräftemangel!

Die am Neuen Markt notierten deutschen Biotechnologie-Unternehmen beabsichtigen, ihr Personal im Jahr 2001 durchschnittlich um mehr als 20 Prozent aufzustocken. Doch selbst die Vorzeigeunternehmen haben Schwierigkeiten, kompetente Fachkräfte zu finden. Eine aktuelle Studie des Bochumer Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) hat die Ursachen dieser Fehlentwicklungen analysiert und fordert ein grundlegendes Umsteuern in der Bildungspolitik.

Die 15 größten deutschen Biotech-Unternehmen beschäftigen zur Zeit mehr als 2.000 Mitarbeiter. Zum Ende des Jahres sollen es nach einer Blitzumfrage des IAI bereits fast 2.500 Beschäftigte sein. Etwa zwei Drittel der neuen Stellen werden für Akademiker aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften geschaffen. Das übrige Drittel entfällt insbesondere auf Assistenten aus biologie-, chemie- und medizintechnischen Berufen sowie auf Verwaltungs- und Managementpersonal.

Doch der Personalaufbau wird durch einen Einbruch im Fachkräftearbeitsmarkt massiv behindert: So ist die Zahl der Studienabgänger in zahlreichen Disziplinen der Natur- und Ingenieurwissenschaften gegenüber den 90er Jahren zwischen 50 und 70 Prozent eingebrochen. Als besonders kritisch bezeichnen die Betriebe die Situation bei Biochemikern, Chemikern, (Bio-)Informatikern, Physikern und Ingenieuren, die nicht mehr nur in Forschung und Entwicklung, sondern auch für Vertrieb, Marketing und Servicefunktionen wie etwa die Öffentlichkeitsarbeit oder den Bereich "Investor Relations" gebraucht werden. Zum Teil noch gravierender sind die Engpässe bei technischen Assistenten aus Biologie, Chemie und Medizin (BTA, CTA, MTA).

Die Personalproblematik wird weiter verschärft durch den Fakt, daß am Arbeitsmarkt vorhandene Fach- und Führungskräfte vielfach nicht über die von Biotech-Unternehmen benötigten Kompetenzen verfügen. So bleiben aktuell mehrere hundert Stellen für Bioinformatiker, für Fachkräfte in der Produktion, im Vertrieb/Marketing und verschiedenen Managementfunktionen unbesetzt. Dies, obwohl gleichzeitig bspw. über 4.000 Hochschulabsolventen der Biologie arbeitslos sind, darunter sogar 50 Prozent gerade erst ausgebildeter junger Leute unter 35 Jahren.

Die Ursachenanalyse des IAI zeigt: Die Entfernung des Bildungssystems von den Anforderungen innovierender Betriebe hat die ehemaligen Spezialisierungsvorteile aufgebraucht. Es gibt in Deutschland nicht nur viel zu wenige Fachkräfte in technischen Berufen, sie werden auch noch falsch aus- und weitergebildet. Professor Erich Staudt (Leiter des IAI) resümiert: "Um Zukunftsbranchen wie die Biotechnologie mit einer ausreichenden Anzahl kompetenter Fachkräfte versorgen zu können, ist eine grundlegende Reform des Systems der berufliche Bildung unumgänglich. Dabei sind zwei Stoßrichtungen von zentraler Bedeutung:

  1. Bei der Jobausbildung außerhalb des Wissenschaftssektors sind die Universitäten überfordert. Was fehlt, ist eine Art duales Ausbildungssystem auf hohem Niveau, das dem Aufbau von praktischen Erfahrungen im Betrieb einen vergleichbaren Stellenwert einräumt wie der Vermittlung theoretischer Sachverhalte auf der Schulbank. Dabei sind verstärkt neue technische Berufsbilder zu berücksichtigen, die in den nächsten Jahren in der Produktion, in Vertrieb und Marketing, in Wartung, Service und im Dienstleistungssektor gebraucht werden. Dadurch ließen sich auch wieder mehr junge Leute für naturwissenschaftliche und technische Berufe begeistern.
  2. In Deutschland sind mindestens 50.000 Naturwissenschaftler und Ingenieure über 45 Jahre arbeitslos. Das bedeutet, es gelingt nicht, diese Hochqualifizierten "up to date" zu halten. Auch ein ausgebautes und vernetztes Weiterbildungssystem ist dazu nicht in der Lage. Angesichts demographischer Entwicklungen kann man sich eine derartige Vernachlässigung und Verschwendung hoch qualifizierter Humanressourcen aber nicht mehr leisten, ohne im internationalen Wettbewerb zurückzufallen. Hier gilt es Integrationsmodelle zu entwickeln bzw. auszubauen, die älteren Fachkräften die Aktualisierung ihrer Kompetenz für Aufgabenfelder im Bereich neuer Technologien ermöglichen."

Die vollständige Studie "Deutschland gehen die Innovatoren aus. Zukunftsbranchen ohne Zukunft?" ist im Buchhandel erhältlich (ISBN 3-933180-88-0; Verlags-Telefon für Fragen: 069 / 7591-1112 oder –1709).

Kontakt für Rückfragen:

Institut für angewandte Innovationsforschung (IAI) e.V.
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Fax 0234/97117-20

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