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Prof. Dr. Dr. Erich Staudt † – Gründer

Wer in den siebziger Jahren das Wort „Innovation“ gebrauchte, erntete nur verständnisloses Kopfschütteln. Einer, der sich davon nicht beirren ließ, war Prof. Dr. Dr. Erich Staudt. Der Bochumer Innovationsforscher besaß mit seinen für Politik und Wirtschaft wegweisenden Arbeiten viel Weitblick. Er gehörte nicht nur zu den Begründern der betriebswirtschaftlichen Innovationsforschung in Deutschland. Als Wissenschaftler und politischer Berater hat er wie kaum ein anderer die Innovationsszene durch einen offensiven Dialog in der Öffentlichkeit geprägt.

Sehr frühzeitig erkannte Prof. Dr. Dr. Erich Staudt, dass die technologiezentrierten Innovationsstrategien von Politik und Unternehmen nur selten zum gewünschten Erfolg führen. Er rückte die Faktoren Personal und Kompetenz als zentralen Engpass innovativer Entwicklungen in den Mittelpunkt. Sein Name ist untrennbar verbunden mit potenzialorientierten Konzepten und Instrumenten zur Entwicklung und Entfaltung innovativer Kräfte auf individueller, Unternehmens- und regionaler Ebene. Mit seiner Arbeit gab er richtungsweisende Impulse zur Gestaltung von Innovationsprozessen.

Nach dem Studium der Physik an der Universität Mainz promovierte der Diplom-Physiker 1973 an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg zum Dr. rer. pol. Der Habilitation für das Fach Betriebswirtschaft folgte 1978 die Berufung zum ordentlichen Professor für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt „Planung und Organisation“ an die Universität Duisburg. Mit der Annahme eines Rufes auf den Lehrstuhl Arbeitsökonomie wechselte Erich Staudt 1986 an die Ruhr-Universität Bochum.

Im von Dauerkrisen geschüttelten Ruhrgebiet erkannte er sehr schnell, dass Führungsmethoden, die sich in stabilen Wachstumsphasen bewährt haben, in entwicklungsdynamischen Strukturwandlungsprozessen versagen. Das war für Erich Staudt Grund genug, nicht mehr nur über Innovationen zu reden, sondern sich mit den vielfältigen Facetten des Managements von Innovationen zu beschäftigen. Dabei zeigte sich, dass der angestrebte, hohe Anwendungsbezug der Forschungsarbeiten nur in enger Kooperation mit bzw. in der betrieblichen Praxis möglich ist. So war es nur folgerichtig, dass er gemeinsam mit Politikern, Unternehmern und Gewerkschaftern 1982 das „Institut für angewandte Innovationsforschung (iAi) e.V.“ gründete. Aufgabe dieser Institution war und ist es, nicht nur angewandte Forschung auf dem Gebiet des technischen, organisatorischen und strukturellen Wandels durchzuführen, sondern auch die Kooperation und Kommunikation zwischen der Innovationsforschung und den Anwendungsfeldern, d.h. den Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit, zu pflegen.

Das IAI hat sich unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Erich Staudt zu einem „think tank“ entwickelt, der als kompetente und unabhängige Einrichtung im Bereich der Innovationsforschung weit über die Grenzen Nordrhein-Westfalens und der Bundesrepublik hinaus anerkannt ist. Dabei liegt die besondere Stärke des IAI darin, frühzeitig Themenfelder zwischen Wissenschaft und Praxis aufzunehmen, dabei aber stets die notwendige Distanz zu modischen Themen, Begriffen und vermeintlichen „Patentrezepturen“ zu halten und gemeinsam mit Beratungsablegern mit neuen Lösungen in der Praxis zu experimentieren.

Als Grenzgänger zwischen Forschung und Praxis war die Kompetenz von Prof. Dr. Dr. Erich Staudt gleichermaßen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gefragt. Seine Mitgliedschaften in verschiedenen Sachverständigenkreisen, Enquete-Kommissionen, Aufsichtsräten, Beiräten und Kuratorien belegen dies. Nicht angepasst, sondern „anstößig“ trat er auf. Er regte Entwicklungen an, wenn er in Management-Zirkeln Innovationsdefizite aufdeckte. Er löste Grundsatzdebatten aus, wenn er das Innovationspatt im Ruhrgebiet „geißelte“, das Märchen vom Risikokapitalmangel bei Innovationen zerriss oder warnte, dass Deutschland die Innovatoren ausgehen. Er mischte sich in Bildungs- und Personalpolitik ein, wenn er den Mythos Weiterbildung kippte und neue Kompetenzentwicklungsprogramme formierte. Er ließ es sich gefallen, wenn ihn die Financial Times den „court jester“ der deutschen Technologiepolitik nannte, weil dieser der einzige war, der wirklich die Wahrheit sagen konnte. Das war sein Verständnis von Wissenschaft: Mindestens fünf Jahre vor dem „Mainstream“, unabhängig von politischen Einflüssen, um dann nicht im Elfenbeinturm, sondern im Dialog mit der Praxis das Neue suchen und wagen.

„Innovation im Konsens ist Nonsens“ behauptete er. „Es sind immer Einzelne oder Minderheiten, die Neuentwicklungen wagen, Risiken eingehen und Veränderungen suchen. Viele von ihnen bleiben dabei auf der Strecke, und einige haben Erfolg, und erst dann folgt ihnen die Masse.“ Getreu seinem Motto „nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“ hat er mit seinen kritischen Analysen und fortschrittlichen Ideen so manchen Mythos ins Wanken gebracht und die Harmonie-Illusion von Politikern und Unternehmern vom Konsens an runden Tischen gestört, um Innovationen voranzubringen.

Am 18. Juni 2002 ist Herr Prof. Dr. Dr. Erich Staudt, Gründer, akademischer Lehrer und geistiger Mentor des IAI im Alter von nur 60 Jahren verstorben. Bis zuletzt hatte er das IAI mit seiner ihm eigenen Energie begeistert und mit seiner Überzeugungskraft ermutigt, im Spannungsfeld von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik neue Wege einzuschlagen und mit Nachdruck zu verfolgen. Mit ihm hat das IAI nicht nur einen der Begründer und profiliertesten Vertreter der betriebswirtschaftlichen Innovationsforschung verloren. Mit Professor Dr. Dr. Erich Staudt ist eine herausragende Persönlichkeit gegangen. Er hinterlässt dem Institut für angewandte Innovationsforschung ein anspruchsvolles und verpflichtendes Verständnis von Wissenschaft. Vorstand, Geschäftsführung und MitarbeiterInnen des IAI werden ihm ein ehrenvolles Andenken bewahren und dafür arbeiten, dass sein Lebenswerk getreu der Weisheit: „Eines Menschen Zeit zählt länger als seine Jahre“ fortgeführt wird.

iAi Bochum Institut für angewandte Innovationsforschung e.V. · Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Bernd Kriegesmann
Buscheyplatz 13 · D-44801 Bochum · Tel +49 (0)234 97117-0 · Fax +49 (0)234 97117-20 · E-Mail info@iai-bochum.de

Wissenschaftliche Einrichtung an
der Ruhr-Universität Bochum

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